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BLICKWINKEL

Mein Ziel war es, in den Verfahren und Werkzeugen, die ich tagtäglich als Grafik- designer anwende, Fehler und Unvollkommenheiten zu erschaffen.

Im August 2008 hatte ich meine Digitalkamera mit in meinen Urlaub nach Kroatien genommen. Es war damals ein ungewöhnlich heißer Monat, zwei Wochen lang brannte die Sonne unaufhörlich herunter. Ich konnte dennoch ein paar beeindruckende Städte besichtigen und auch Abkühlung in der Adria finden. Irgendwann wollte es dann das Schicksal, dass mir meine Kamera aus der Hand und in den Pool meines Hotels fiel. Ich muss gleich vorwegnehmen, dass ich mir keine großen Hoffnungen machte, jemals wieder mit ihr arbeiten zu können. Und tatsächlich war die Kamera am Ende nicht mehr zu gebrauchen. Überraschenderweise verhielt es sich aber mit den Bildern, denen das Gehäuse der kaputten Kamera immerhin etwas Schutz geboten hatte, ganz anders. Ich konnte sie auf meinem Rechner noch öffnen, aber sie sahen nicht ganz so aus, wie ich es erwartet hatte. Es schien, als ob sie gewissermaßen digital zerrissen und zerfetzt worden wären. Beschädigt und entstellt, mit neuen Farben, verzerrten Formen und bizarren Mustern versehen waren die Aufnahmen nun nicht länger Urlaubserinnerungen, sondern etwas gänzlich anderes geworden. Mit anderen Worten: Es kam zu einer Fehlfunktion in einem normalerweise vollkommenen System.

So wurde also dieses Missgeschick zum Ausgangspunkt meines Projekts. Die unvermittelte Erschaffung einer neuen visuellen Sprache als kreativer Ausdruck meiner zu Bruch gegangenen Kamera faszinierte und verblüffte mich gleichermaßen – warum das so war, fand ich allerdings erst später heraus. Ich setzte mir so zum Ziel, in den Verfahren und Werkzeugen, die ich tagtäglich als Grafikdesigner anwende, Fehler und Unvollkommenheiten zu erschaffen, um eine neue visuelle Sprache zu kreieren, gleich der, die meine Kamera damals in Kroatien hervorgebracht hatte. 

Klassische Skulpturen2

Abb. 1

Die Eingrenzung meiner Recherchen auf diese theoretischen und praxisbasierten Forschungsgebiete half mir, mich in meiner Arbeit zu verorten, und inspirierte mich zur Entwicklung einer Reihe experimenteller Projekte, von denen „Altered States“ mein Hauptwerk werden sollte. Zu Beginn wählte ich vier verschiedene Bilder klassischer Skulpturen (Abb. 1) aus, die alle nach den Regeln des Goldenen Schnitts entstanden waren: die Venus von Milo, der Kopf Apollons, die Hand Davids und der Torso des Diadumenos. Unter Berücksichtigung dessen, was ich über Glitch Art und Data Bending gelernt hatte, wollte ich diese Bilder nach bestimmten Regeln stören, in ihnen sozusagen eine Fehlfunktion auslösen und danach den Typus der erhaltenen Ergebnisse analysieren, um sie später in einem Projekt einsetzen zu können. Die Definition meines Ansatzes war einfach. Ich setzte eine Data-Bending-Technik namens „The WordPad Effect“ (Abb.  2) ein, die darin besteht, eine Bilddatei in einem Textverarbeitungsprogramm zu öffnen, um anschließend deren Code zu bearbeiten. Also startete ich die Textverarbeitung auf meinem Mac, öffnete die Bilddateien darin und änderte nach dem Zufallsprinzip Codeabschnitte, indem ich entweder Zeichen hinzufügte oder herauslöschte. Obwohl dieses Vorgehen nach dem Speichern einige interessante Resultate hervorbrachte, so waren die Endergebnisse im Grunde genommen hauptsächlich zufallsgesteuert. Sie entstanden ohne Zweckbestimmung und Intention. Das stellte aber ein Problem dar, da ich von Anfang an ein Regelwerk aufstellen wollte, mit dem ich die Beschädigung dieser Bilder steuern konnte. Also brauchte ich eine systematische Vorgehensweise, denn sonst wäre dieses Verfahren nichts als belanglos gewesen.

Textedit Golden Section W

Abb. 2

Diese Regeln waren dann schnell gefunden. Die Tatsache, dass jede dieser Skulpturen nach den Grundsätzen des Goldenen Schnitts entstanden war, führte mich zur Fibonacci-Folge, ebenfalls eine Art Code, der Schönheit und gute Proportionen zu Zeiten der Renaissancekünstler widerspiegelt. Damit hatte ich also mein Regelwerk: Ich würde diese Bilder stören, indem ich die Regeln klassischer Schönheit auf sie anwandte. Nachdem ich jedes Bild ein weiteres Mal in der Textverarbeitung geöffnet hatte, nahm ich mir jede Zahl des Codes vor und ersetzte sie durch eine Zahl aus der Fibonacci-Folge in aufsteigender Reihenfolge. In einem langwierigen und mühseligen Prozess ersetzte ich so jede einzelne Zahl und speicherte die Dateien erneut ab. Und dann drückte ich mir die Daumen.

Aber leider vergebens. Photoshop weigerte sich, meine geänderten Dateien zu öffnen – die Fehlermeldung lautete: Dateien beschädigt oder zerstört. Ich hatte im Endeffekt also eine Störung in einem Grafikdesigntool erzeugt: einen Dateifehler. Obwohl ich die klassischen Regeln der Vollkommenheit angewandt hatte, hatte ich ihre Form und Funktion unvollkommen gemacht. Ironischerweise war die einzige Software, mit der ich meine Bilder öffnen konnte, das simpelste aller Programme auf meinem Mac, nämlich „Vorschau“. Dieses Programm ignorierte die Fehler in den Dateien und goss die Ergebnisse meines Experimentes in eine visuelle Form. 

Das Ergebnis dieses Experiments war letztendlich faszinierend anzuschauen. Die Bilder verloren ihre Funktion, nämlich Fotos von Skulpturen zu sein, und nahmen die Züge von Kunstwerken an. Der Geist einer jeden Skulptur war noch immer vorhanden, aber kaum mehr wahrnehmbar. Er wurde quasi ersetzt durch eine Ästhetik des Fehlers und der Unvollkommenheit, die essenzieller Bestandteil der Glitch Art ist, weit entfernt von der hochglanzpolierten visuellen Glätte, die man vom kommerziellen Grafikdesign gewohnt ist. Eine Sprache, bestehend aus gesättigten RGB-Farben, verzerrten Streifen, erratischen Pixeln und schrägen Wellen aus Schwarz und Weiß, am Rande einer Katastrophe und der Nicht-Kommunikation. Eine neue visuelle Sprache wurde durch mein Tun geschaffen.

Von da an war ich nicht mehr nur Designer, sondern auch Autor.

Aphrodite 25X35
© Antonio Alvés Felizardo
Apollo 25X35
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António Felizardo

Der Digitaldesigner António Alves Felizardo lebt und arbeitet in London. Nach dem Erwerb eines MA in Kommunikationsdesign am Central Saint Martins College of Art and Design in London entwickelte er seinen Stil in den Bereichen Design, Mode und Kunst, in denen er digitale Erlebniswelten entwirft und umsetzt. In seiner Freizeit sammelt er Electronica auf Vinyl, verbringt gerne lange sonnige Tage im Freien und widmet sich seinen Pflanzen.

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