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BLICKWINKEL

Mosbrugger

Der Mensch hält sich für die Krone der Schöpfung…

… doch er ist nur ein ­kleines Mosaiksteinchen der Biosphäre. Immerhin: Er könne sich dessen bewusst ­ werden, meint Prof. Volker Mosbrugger, Evolutionsbiologe und Generaldirektor des Forschungsinstituts und des Naturmuseums Senckenberg in Frankfurt a. M.

BRAIN: Herr Professor Mosbrugger, warum sollten wir Menschen uns mehr Gedanken über die wichtigen, aber teilweise unspektakulären Bakterien machen?

Prof. Volker Mosbrugger: Der Mensch verhält sich auf der Erde grundsätzlich wie jedes beliebige Bakterium, jede Ameise oder jeder Vogel. Wir nutzen die natürlich verfügbaren Ressourcen, um möglichst gut und zahlreich zu überleben, wie alle Lebewesen auf der Erde. Das einzige, was uns von ihnen unterscheidet, ist die Fähigkeit, unser Handeln zu reflektieren – und gegebenenfalls anders zu handeln. Außerdem könnten wir ohne Bakterien gar nicht leben.

BRAIN: Wie eingangs schon erwähnt sollten wir bei Klima und Umweltschutz auch die mikrobiellen Lebensformen berücksichtigen. Wieso brechen Sie eine Lanze für die unsichtbaren Lebewesen?

Prof. Volker Mosbrugger: Bakterien als Schlüsselorganismen sind überlebensnotwendig. Alle Vielzeller leben in enger Symbiose und Interaktion mit Mikroorganismen und könnten ohne ihr „Mikrobiom“ gar nicht existieren. Auch in den Ökosystemen spielen sie eine zentrale Rolle. Wenn sie beispielsweise im Boden auf einmal fehlen, könnte es sein, dass Ernten geringer oder komplett ausfallen. Diese mikrobiologisch-ökologischen Zusammenhänge erkennen wir meist erst, wenn sie uns unmittelbar negativ betreffen, und dann ist es oft bereits zu spät. Wir sollten also durchaus mehr in eine präventive, erkenntnisorientierte Forschung investieren und nicht überwiegend eine problemlösende Forschung betreiben.

Senckenberg Wissenschaft
© Ashastina/Kienast, Senckenberg Weimar

Tiefschürfend: Senckenberg-Wissenschaftler suchen auch in den entlegensten Regionen nach Antworten auf Fragen der geologischen und biologischen Entwicklungen auf der Erde – so wie hier im Permafrost Jakutiens.

BRAIN: Mikroorganismen haben sich an die extremsten Lebensbedingungen auf der Erde angepasst ...

Prof. Volker Mosbrugger: … Sie meinen, in Lebensräumen wie in hundert Meter Tiefe im Gestein ohne Sauerstoff auszukommen, im ewigen Eis zu leben, in Schwefelquellen oder unter hohem Druck in der Tiefsee.

BRAIN: Richtig, wichtige Quellen, aus denen auch BRAIN schöpft. Könnten diese Quellen eines Tages einmal versiegen, ganz abgesehen davon, wie sich das Klima entwickelt?

Prof. Volker Mosbrugger: Um diese Überlebenskünstler auszulöschen oder auch das gesamte Leben auf der Erde, müsste das flüssige Wasser vollständig von unserem Planeten verschwinden.

Ob die Eisbären eine Temperaturerwärmung über­leben oder nicht, das berührt die ­Biosphäre und den Menschen im Grunde recht wenig. 

BRAIN: Auch der Mensch hat sich seiner Umwelt angepasst und bezeichnet sich gerne als Krone der Schöpfung. Es erfolgte die Abkopplung von der natürlichen Evolution, die „kulturelle Evolution“: Kleider und Häuser schützen uns vor Temperaturschwankungen, Medikamente vor Krankheiten und die Erkenntnisse und Produkte der Nahrungsmittelindustrie schützen uns vor Mangelernährung.

Prof. Volker Mosbrugger: Ja, der Mensch ist das einzige Tier, das als Folge der „kulturellen Evolution“ nicht mehr direkt von natürlichen Umwelteinflüssen berührt wird. Das äußert sich bspw. dadurch, dass Menschen, die gegen eine aggressive Grippe geimpft sind, eine Epidemie eher überleben als solche, die nicht geimpft sind – die Überlebenschancen unserer Nachkommen hängen heute meist stärker von der verfügbaren Medizin und der umgebenden Kultur als von den Genen ab. Somit sind wir als Art nicht direkt bedroht, aber wir haben unmittelbaren Einfluss auf die Qualität unserer Zukunft.

BRAIN: Sind wir mit unserem Wissen aus der Evolutionsgeschichte und über die Anpassungsfähigkeit der Bakterien an extreme Lebensbedingungen und mit unseren Reflexionsmöglichkeiten in der Lage, die Zukunft der Erde zu erhalten?

Prof. Volker Mosbrugger: Ich denke schon, auch wenn sich vieles verändert – wir müssen uns nur darauf einstellen. Veränderungen sind ein fester Bestandteil der Erdgeschichte, und wie immer wird es dabei Verlierer und Gewinner geben. Nehmen wir das Beispiel des anthropogenen Klimawandels. Hier sind Aussagen wie „Der Mensch stört das natürliche Gleichgewicht“ wissenschaftlich einfach nicht korrekt – es gibt dieses Gleichgewicht nicht. Es ist bekannt, dass die Erde verschiedene Extremzustände durchlief: Sie war vor circa 600 Millionen Jahren ein riesiger Schneeball, auf dem wahrscheinlich nur einfache Organismen wie Bakterien in den eisfreien Bereichen der Tiefsee überleben konnten. Es gab auch Zeiten, in denen es an den Erdpolen kein Eis gab. Krokodile lebten dort, wo heute arktisches Eis liegt. Des Weiteren gab es Phasen, in denen der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre drei- oder viermal so hoch war w

Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung

www.senckenberg.de
Volker Mosbrugger

Prof. Volker Mosbrugger

Prof. Volker Mosbrugger wurde 1953 in Konstanz geboren und studierte von 1973 bis 1979 an der Universität Freiburg Biologie und Chemie so wie an der Universität Montpellier Meeresbiologie. 1983 promovierte er am Biologischen Institut II der Universität Freiburg zum Dr. rer. nat.  Danach wechselte er an das Institut für Paläontologie der Universität Bonn, wo er 1989 habilitiert wurde. 1990 wurde er auf den Lehrstuhl für Paläontologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen berufen. 1998 erhielt er den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis. Seit 2005 leitet Mosbrugger als Direktor das Forschungsinstitut und Naturmuseum Senckenberg in Frankfurt und wurde 2009 zum Generaldirektor der „Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung“ berufen.

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