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BLICKWINKEL

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Clean Food, Detox, Paleo – Flexitarier, Veganer, Klimatarier? Nahezu keine Woche vergeht, in der nicht eine neue Trenddiät oder eine neue Ernährungsform als heilsbringendes Manna über diverse 
Offline- und Onlinemedien kommuniziert wird …

Ernährung, Umwelt und globale Belastungsgrenzen

Erste Ideen für ein umfassenderes Konzept für eine nachhaltige Ernährung, das neben Gesundheits- auch Umweltaspekten Rechnung trägt, wurden in den 1970er und 80er Jahren von unabhängigen Arbeitsgruppen in den USA und Deutschland erarbeitet. Wegweisend waren dabei „Diet for small planet“ von Moore-Lappé (1971), das von Körber et al. (1982) vorgeschlagene Konzept der „Vollwert-Ernährung“ und die von Gussow (1986) postulierten „Dietary Guidelines for Sustainability“. Erste ernährungsbezogene Umweltanalysen, die teilweise als Grundlage für diese Konzeptentwicklungen dienten und sich mit spezifischen Fragestellungen auf Indikatorebene beschäftigen, gehen sogar bis in die 1950er und 60er zurück. So führte beispielsweise der Schwede Georg Borgström bereits im Jahr 1953 den Begriff der „Ghost Acreage“ (schwedisch: spökareal) ein, unter dem heute der „virtuelle Flächenfußabdruck“ verstanden wird. Infolge der Ölkrise Anfang der 1970er Jahre und der 1972 im Auftrag des Club of Rome veröffentlichten Studie „Grenzen des Wachstums“ fanden in Bezug auf Nahrungsmittel vor allem Berechnungen hinsichtlich der Knappheit fossiler Energieträger und abiotischer Ressourcen (Mineralien zur Düngemittelherstellung etc.) statt. Slesser et al. (1977) untersuchten zudem die Energieintensitäten unterschiedlicher Verzehrsweisen. Im Zuge der Diskussion des anthropogenen Einflusses auf den Treibhauseffekt, die sich verstärkt nach der Veröffentlichung des Berichts „Unsere gemeinsame Zukunft“ der Brundtland-Kommission für Umwelt und Entwicklung, des sog. Brundtland-Berichts, im Jahr 1987 entwickelt hat, rückte die Einflussanalyse und -bewertung von Produkten, Prozessen und Systemen hinsichtlich deren klimatischen Folgen vermehrt in den Fokus.

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Im Rahmen der Enquete-Kommission „Schutz der Erdatmosphäre“ wurde erstmals in einer Grobanalyse die Klimarelevanz des Ernährungssektors in Deutschland beschrieben. Von den damals insgesamt in Deutschland emittierten Treibhausgasen in Höhe von 1,2 Milliarden Tonnen CO2- Äquivalenten gingen 260 Millionen Tonnen auf das Konto der Ernährung (Anteil: 22 %). Für das Jahr 2006 wurde der Anteil mit 25 % beziffert (240 Millionen Tonnen von insgesamt 960 Millionen Tonnen). Dieser relative Anstieg ist vor allem darauf zurückzuführen, dass der Agrar- und Ernährungssektor im Vergleich zu anderen Industriesektoren weniger stark zur Vermeidung von Treibhausgasemissionen beigetragen hat, und unterstreicht die Notwendigkeit, in diesem Bereich zukünftig stärker aktiv zu werden. Andernfalls können die national gesteckten Klimaziele nur schwerlich erreicht werden (Reduktion gegenüber 1990  >  40 % bis 2020, 80 – 95 % bis 2050).

Weltweit werden mehr als 30 % der THG-Emissionen durch die Ernährung verursacht. Der geringere Anteil in Deutschland ist jedoch nicht auf eine klimafreundlichere Ernährung zurückzuführen, sondern der relativen Stärke des Energie- und Industriesektors geschuldet. Auf Basis des Konzepts der „Planetaren Belastungsgrenzen“ konnte gezeigt werden, dass allein durch Aktivitäten im Bereich Landwirtschaft und Ernährung bereits vier der insgesamt neun quantifizierten Belastungsgrenzen global überschritten sind. Wegen übermäßiger Nährstoffeinträge kommt dabei dem Stickstoff- sowie Phosphorkreislauf die größte Relevanz zu, gefolgt von einem übermäßigen Landnutzungswandel und Biodiversitätsverlust, der durch Landwirtschaft und Ernährung verursacht wird (siehe Grafik).

Globale Umweltlasten Grafik

Anteil von Landwirtschaft und Ernährung an den globalen Umweltlasten sowie im Kontext planetarer Belastungsgrenzen (Quelle: Meier, T., 2017: Planetary boundaries of agriculture and nutrition – an Anthropocene approach. Proceedings of the Symposium “The Anthropocene Kitchen: designing the future of food”. Humboldt University Berlin.)

Empfehlungen für eine nachhaltige Ernährung

Obwohl nachhaltige Ernährung oft im Kontext von Ökologie und Umweltschutz thematisiert wird, beinhaltet das Konzept neben wirtschaftlichen und sozialen Aspekten auch die gesundheitliche Dimension von Ernährung. So definiert die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN (FAO) nachhaltige (= sustainable) Ernährungsweisen wie folgt: 

“Sustainable Diets are those diets with low environmental impacts which contribute to food and nutrition security and to healthy life for present and future generations. Sustainable diets are protective and respectful of biodiversity and ecosystems, culturally acceptable, accessible, economically fair and affordable; nutritionally adequate, safe and healthy; while optimizing natural and human resources.“

Damit gilt von vornherein eine Ernährung nur dann als nachhaltig, wenn sie neben ökologischen Kriterien u. a. auch solche der (Ernährungs-)Kultur, der Verfügbarkeit und des Preises beinhaltet sowie dem ernährungsphysiologischen Bedarf gerecht wird. Zahlreiche ökologische Ziele sind problemlos mit Ernährungsempfehlungen vereinbar. So gilt Fleischkonsum als einer der Hauptfaktoren der durch Ernährung bedingten Treibhausgase, gleichzeitig aber auch als Risikofaktor für das Entstehen diverser Zivilisationskrankheiten. Eine Reduzierung des Fleischkonsums zugunsten pflanzlicher Lebensmittel wäre somit sowohl aus ökologischen als auch aus gesundheitlichen Gründen wünschenswert.

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Dabei scheint jedoch die Mehrheit der Trends das gleiche Schicksal zu verfolgen, welches auch Produktneuschöpfungen ereilt, die regelmäßig im Lebensmittelhandel zu finden sind: Innerhalb kürzester Zeit sind diese wieder aus dem Sortiment verschwunden und warten darauf, irgendwann als Neuentdeckung vermarktet zu werden. Obwohl sich an diesem Schema der (Re)-Innovation innerhalb der letzten Jahrzehnte nichts grundlegend geändert hat, können dennoch diverse Veränderungen im normativen Korsett westlich geprägter Ernährungskulturen beobachtet werden, die tiefgreifendere Richtungsänderungen erklären.

Geprägt durch die Entbehrungen von Wirtschaftskrisen und zwei Weltkriegen orientierte sich in den Nachkriegsjahren die mitteleuropäische Esskultur maßgeblich am Leitbild der gutbürgerlich-deftigen Küche: Eiweißreich, hochkalorisch und gerne auch alkoholisch war en vogue. So wie die „Gemeinsame Agrarpolitik“ in den Anfangsjahren der Europäischen Gemeinschaft nahezu ausschließlich das Ziel der Produktionsmaximierung verfolgte, diente die Ernährung vor allem dem Zweck der Sättigung. Mit dem Aufkommen und einer zunehmenden Sensibilisierung für Gesundheits- und Umweltthemen, die aus der Produktions- maximierung resultierten, wurde Ernährung in den folgenden Jahrzehnten jedoch zunehmend politisiert und moralisiert: Genuss ohne Reue war nun nicht mehr möglich. Das Dogma der Maximierung wurde vom Leitbild der Optimierung abgelöst. Der Verbraucher wird anspruchsvoller, bewusster, Herkunft und Gesundheitswert der Speisen gewinnen zunehmend Bedeutung und Nachhaltigkeit als (oft überstrapazierter) Sammelbegriff prägt die Diskussion um die Ernährung der Zukunft – und Gegenwart. 

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Zielkonflikte: Ökologie vs. Gesundheitsempfehlungen

Allerdings ergeben sich gerade im Spannungsfeld zwischen gesundheitlichen Empfehlungen und Ökologie oft (vermeintliche) Zielkonflikte, die genauer zu thematisieren sind. Während, wie oben dargestellt, Maßnahmen wie z. B. eine Reduzierung des Fleischkonsums.

Nutrition impacts – Nutrition counts

www.nutrition-impacts.org
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Toni Meier

Toni Meier ist promovierter Agrar- und Ernährungswissenschaftler. Er arbeitet am Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften der Universität Halle-Wittenberg und ist Research Fellow der Humboldt-Universität Berlin sowie der University of Washington, Seattle. Neben der Entwicklung neuer methodischer Ansätze im Bereich Ernährung/Umwelt/Gesundheit beschäftigt er sich mit der praktischen Umsetzung nachhaltiger Ernährung im Inner- und Außerhaus- Verzehr (www.nutrition-impacts.org). Im Jahr 2014 erschien sein Buch „Umweltschutz mit Messer und Gabel – Der ökologische Rucksack der Ernährung in Deutschland“ (oekom-Verlag).

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