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BLICKWINKEL

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Der erste Börsengang des Jahres und gleichzeitig das Börsendebüt eines Bioökonomie-Pioniers an der Frankfurter Wertpapierbörse verlief am 9. Februar 2016 erfolgreich.

Es ist ein beachtlicher Erfolg für alle Beteiligten: Trotz der zuletzt widrigen Finanzmarktbedingungen hat die BRAIN AG den Sprung an die Börse geschafft. Insgesamt 3 608 054 Aktien wurden zu einem Stückpreis von 9 Euro an neue Anleger abgegeben, davon wurden 3 500 000 neue Aktien aus einer Kapitalerhöhung platziert. Weitere 108 054 bestehende Aktien wurden im Rahmen einer Mehrzuteilung ausgegeben. Der Ausgabepreis lag zwar am unteren Ende der ursprünglich avisierten Preisspanne von 9 bis 12 Euro, aber das Orderbuch sei sogar leicht überzeichnet gewesen, heißt es vom Unternehmen. Insgesamt konnte der Bioökonomie-Pionier aus dem hessischen Zwingenberg bei seinem Börsendebüt rund 31,5 Mio. Euro einsammeln. Diese Mittel sollen nach Abzug der Emissionskosten im Wesentlichen für die Produktentwicklung sowie den verstärkten Vertrieb eigener Produkte, darunter Enzyme, Mikroorganismen und bioaktive Naturstoffe, verwendet werden. „Unsere Pipeline an biobasierten Lösungen, die industrielle Prozesse und Produkte nachhaltiger, effizienter, natürlicher und gesünder machen, ist mit aktuell 15 Programmen gut gefüllt. Diese werden wir mit den Mitteln aus dem Börsengang konsequent weiterentwickeln“, so Jürgen Eck, Vorstandsvorsitzender von BRAIN.

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Aktie notiert über Ausgabepreis

Die Begleitumstände für den Börsengang waren alles andere als rosig: Am Tag vor der Erstnotiz war der Leitindex Dax erstmals seit Oktober 2014 wieder unter die psychologisch wichtige Marke von 9000 Punkten gerutscht. „Zwischen unserer Ankündigung zum Börsengang und dem Schließen des Orderbuchs ist der Dax um mehr als 9 % gefallen“, berichtet Eck. Die Volatilität, abgebildet durch den VDax, hat mit einem Niveau von mehr als 30 Punkten gegenüber der Zeit am Ende des Jahres 2015 ebenfalls deutlich zugelegt, sodass Börseneinführungen bei den meisten Investmentbankern als schwierig oder unmöglich galten. Trotzdem: Beim Handelsbeginn der BRAIN-Aktien an der Frankfurter Wertpapierbörse wurde der erste Kurs mit 9,15 Euro dann deutlich über Ausgabepreis gestellt. 

Auch wenn die Notierung im weiteren Handelsverlauf kurzzeitig unter die 9-Euro-Marke sank, scheint sie sich inzwischen in Regionen oberhalb des Ausgabepreises festgesetzt zu haben. „Der Erfolg zeigt die Stärke des Themas Bioökonomie“, ist sich BRAIN-Chef Eck sicher. Auch die MIG-Fonds, einer der größten BRAIN-Aktionäre, sind von einer langfristig positiven Entwicklung überzeugt. „Wir glauben an das Potenzial der BRAIN AG. Wenn das Unternehmen seine Wachstumspläne umsetzt, wird der Kurs weiter steigen“, sagt Matthias Kromayer, der die Life-Sciences-Investments bei einem der aktivsten Wagniskapitalinvestoren Deutschlands betreut.

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Hohe Beteiligung von Privatinvestoren

Zwei Faktoren könnten BRAIN dabei zugutekommen. Zum einen die breite Beteiligung von Privatanlegern. Sie haben etwa 19% des Platzierungsvolumens gezeichnet. Die Aufträge seien dabei ungefähr jeweils zur Hälfte über das Xetra-Zeichnungstool beziehungsweise die von der BRAIN AG vor allem für Mitarbeiter und MIG-Investoren zur Verfügung gestellte Ordermöglichkeit eingetroffen, heißt es dazu aus mit dem Vorgang vertrauten Kreisen. „Diese Vertriebswege kommen bei IPOs in Deutschland nur sehr selten zum Einsatz, da sie aus den Überlegungen der großen Investmentbanken – sei es aus rechtlicher oder aus ökonomischer Vorsicht oder durch Unkenntnis ihrer Vorteile für eine stabile und preiselastischere Aktionärsbasis – verschwunden sind“, urteilt Wolfgang Blättchen, Gründer und Gesellschafter der Blättchen Financial Advisory GmbH in der Börsenzeitung. Während die Amerikaner Privatanlegerquoten von mehr als 20 % anstreben würden, seien es bei den Franzosen und Engländern eher 10 %. „In Deutschland verkündeten die Banken bei Zalando 2 % – und das war wahrscheinlich schon vergleichsweise ungewöhnlich hoch“, so Blättchen, der den hessischen Bioökonomie-Spezialisten bei der Einbindung der Retail-Investoren beriet. 

BRAIN-Chef Eck ist davon überzeugt, dass die breite Investorenbasis dem Unternehmen zusätzliche Sicherheit verschafft: „Die Aktie ist so weniger abhängig von technischen Marktmechanismen. Privatinvestoren schauen in der Regel genau auf das Unternehmen und weniger auf Chartanalysen.“ Zudem könnte diese Anlegerklasse für einen liquiden Handel der Aktie sorgen. 

Vor allem Generalisten griffen zu

Der zweite Faktor, der BRAIN an der Börse zugutekommen könnte, ist die Sektorklassifizierung. Zwar handelt es sich bei den Südhessen um ein dediziertes Biotech-Unternehmen. Gleichwohl sind die großen digitalen Forschungsrisiken und die extrem langen Entwicklungszeiten klassischer Roter-Biotechnologie-Unternehmen dem Bioökonomie-Spezialisten fremd. Die Kunden, die Enzyme, Naturstoffe oder Mikroorganismen von BRAIN einsetzen, stammen beispielsweise aus der Chemie- und Konsumgüterindustrie (siehe Zeitstrahl). Dementsprechend ordnete die Deutsche Börse die Aktien der BRAIN AG in den Subsektor Spezialchemie ein. Das hat offenbar auch Folgen für die Investorenbasis: „Wir haben einen sehr großen Anteil generalistischer Investoren, die sich vor allem mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen und so den Weg in die Bioökonomie gefunden haben. Klassische Pharma- oder Biotechnologie-Investoren spielen hingegen nur eine kleinere Rolle“, berichtet Eck.

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Finanzierungsereignis statt Exit

Von Beginn an haben die Bioökonomie-Spezialisten aus Zwingenberg Wert darauf gelegt, den IPO nicht als Exit-Ereignis für Großaktionäre, sondern als Finanzierungsereignis innerhalb einer weiteren Wachstums- und Industrialisierungsstrategie darzustellen. „Uns ist wichtig, dem Kapitalmarkt zu zeigen, dass wir in der Lage sind, zusammen mit unseren Partnern ein Unternehmen aufzubauen, das vom Kapitalmarkt eine glaubwürdige, belastbare, stabile Bewertung erhält“, betont auch MIG-Vorstand Kromayer. Für den Wagniskapitalgeber in München ist es der erste IPO eines Portfolio-Unternehmens. Und zumindest bisher scheint der Kursverlauf darauf hinzudeuten, dass es gelungen ist, vor allem langfristige Investoren einzubinden.

Stark diversifizierte Geschäftsfelder

Vor allem Privatanleger orientieren sich bei einer Investition häufig an vergleichbaren Firmen. Wer Mercedes-Aktien kauft, schaut, wie es bei BMW oder VW läuft. Bei BRAIN dürften solcherlei Vergleiche schwieriger werden. Der eigenen Industrialisierungsstrategie folgend ist das Unternehmen mit seinen Kernangeboten – Enzymen, Naturstoffen, Mikroorganismen – aber in einer Vielzahl von Märkten unterwegs. 

Im Bereich der Biokatalysatoren tritt BRAIN gegen Weltkonzerne vom Format Novozymes (Dänemark) und – über das ebenfalls dänische Tochterunternehmen Danisco – Dupont an. Beide Großkonzerne scheinen derzeit aber vor allem mit sich selbst beschäftigt zu sein: Novozymes kündigte erst im Februar eine völlige Reorganisation seiner Gruppenstruktur an und Dupont arbeitet an einer Megafusion mit dem Chemiekonzern Dow Chemical. Kleinere Wettbewerber finden sich direkt vor der Haustür: Zum Beispiel AB Enzymes in Darmstadt oder auch Direvo Industrial Biotech in Köln. Beide lieferten zuletzt gute Nachrichten: Während die Muttergesellschaft von AB Enzymes, die britische Associated British Foods, ankündigte, eine Produktionsanlage ihrer deutschen Tochter in Finnland ausbauen zu wollen, vermeldete Direvo Fortschritte bei der Entwicklung eines neuen Biokatalysatoren-Mixes für die Bioethanolproduktion. Im Bereich der technischen Enzyme arbeitet BRAIN beispielsweise an Biokatalysatoren für die Stärkeprozessierung. Mit sogenannten Aurasen, Enzymen zur Wundversorgung, will der hessische Bioökonomie-Spezialist in den kommenden Jahren den Einstieg in den Medizintechnik-Markt finden.

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Wenn das Unternehmen seine Wachstumspläne umsetzt, wird der Kurs weiter steigen.

Jürgen Eck

Bio statt chemischer Prozesse

Den Bereich Naturstoffe hat BRAIN erst 2014 durch die Mehrheitsbeteiligung am Potsdamer Unternehmen Analyticon Discovery noch einmal deutlich gestärkt. Der Wettbewerb in dem Segment gilt als hart. Neben großen Aroma- und Duftanbietern wie Senomyx, Symrise, International Flavors & Fragrances oder Givaudan tummeln sich auch zahlreiche Spezialisten in dem Feld, etwa die Imax Discovery GmbH in Dortmund (Geschmacksmodulatoren) oder Pure-Circle (Stevia) aus Malaysia. In Zwingenberg werden derzeit mehrere Naturstoffprojekte in unterschiedlichsten Bereichen vorangetrieben. Vor allem auf die Lebensmittel- und Getränkeindustrie zielt die Entwicklung von Geschmacksmodulatoren, etwa zur Reduktion des Zucker- oder Salzgehalts. Einen weiteren großen Bereich formen die „Bio-Substitutes“, mit denen bisherige chemische Prozesse biologisiert werden sollen. Dazu gehört etwa die Entwicklung von Naturstoffen mit antimikrobieller Wirkung für den Einsatz in der Kosmetik- oder Lebensmittelindustrie oder etwa die Entwicklung biobasierter Schmierstoffe. 

Hinzu kommen die Kosmetik-Aktivitäten von BRAIN. Als wichtige Konkurrenten sind hier – neben den üblichen Großkonzernen wie L‘Oreal oder Estée Lauder – vor allem auch Unternehmen ähnlicher Größe zu nennen: Klapp Cosmetics GmbH oder Dr. Babor GmbH & Co. KG beispielsweise. Über die Marke Monteil vertreibt BRAIN eigene Kosmetikprodukte direkt an den Endkunden. Stärkstes Verkaufsargument der Zwingenberger sind Biotech-Inhaltsstoffe aus eigener Entwicklung. Insgesamt habe sich die Kosmetikindustrie in den vergangenen Jahrzehnten mit echten Neuigkeiten schwergetan, monieren nämlich Experten. Noch heute enthalten Cremes als aktive Komponenten etwa Folsäure oder den Cofaktor Q10 – die bereits in den 30er beziehungsweise den 50er Jahren entdeckt wurden. In den BRAIN-Cremes findet sich unter anderem ein TRPV1-Inhibitor aus eigener Herstellung. Dessen Zielmolekül, der Hitze-Capsaicin-Rezeptor, ist für die Reizung der Haut nach Kontakt mit einer Chilli-Schote verantwortlich. Seine Blockade mindere Hautirritationen, verspricht BRAIN. Der Einsatz eines Matrix-Metalloproteinase-Inhibitors (MMPI) könnte eines Tages den Kampf gegen die Hautalterung unterstützen.

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Mehrere Eisen im Feuer

Das dritte Standbein von BRAIN bilden die Mikroorganismen. Zu den Wettbewerbern in diesem Bereich gehört beispielsweise die  Evolva Holding. Das Schweizer Unternehmen hat im vergangenen Jahr unter anderem die fermentativ hergestellten Duftstoffe Nootkaton und Valenzen auf den Markt gebracht. Die französische Libragen SA ist ebenfalls auf die mikrobielle Herstellung von Kosmetikinhaltsstoffen spezialisiert. Das US-Unternehmen Amyris setzt auf Mikroorganismen unter anderem zur Herstellung biogenener Treibstoffe, ist aber ebenfalls im Bereich Nahrungs- und Kosmetikinhaltsstoffe aktiv. Im hessischen Zwingenberg traut man den Mikroorganismen noch mehr zu: In wenigen Jahren könnten spezielle Mikroben einsatzbereit sein, um auf Schürfhalden oder Müllkippen Seltenerdmetalle und Edelmetalle aus Abraum beziehungsweise Abfall herauszulösen. Derzeit dürften die niedrigen Weltmarktpreise einem breiten kommerziellen Einsatz dieser Mikrokumpel einen Riegel vorschieben, aber BRAIN hat ja durchaus noch andere Eisen im Feuer. 

BIOCOM AG | transkript

www.biocom.de
Bernd Kaltwasser

Dr. Bernd Kaltwaßer

Dr. Bernd Kaltwaßer studierte Biologie an der Universität Osnabrück und promovierte 2010 an der Technischen Universität Kaiserslautern. Er ist der verantwortliche Redakteur des Life- Sciences-Magazins „transkript“, das monatlich in einer 10 000er Auflage von der BIOCOM AG publiziert wird. Für |transkript und das Schwestermagazin „European Biotechnology“ berichtet er seit 2010 über Wirtschafts- und Kapitalmarktthemen mit Bezug zu Biotechnologie, Life Sciences und Bioökonomie.

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