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BLICKWINKEL

Sarande

Die Kreativität von Tim Hölscher ist schwer zu beschreiben. Man kann sich seinem Werk über verschiedene Wege nähern, zum einen über die Technik, die Geschichte der Entstehung und die Umstände, zum anderen über die Wirkung des Bilds, der Fotografie. Es sind faszinierende Techniken, die verwendet werden. Peter Thomas befasste sich in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ausführlich mit der Technik der Serie „Albanische Landschaften“, in der Tim Hölscher albanische Bunker zu Lochkameras umbaute, sodass Landschaftsfotografien auf Positivpapier im Innern der Bunkerkuppel entstanden. 

Im Auge des Betrachters der so entstandenen Fotografie zeigen sich mehr oder weniger karge Landschaften, das Format „Landscape“, etwas kontrastarm, wenig spektakulär – wenn nicht der unregelmäßige Kantenbeschnitt, Risse und Knicke und Bearbeitungsspuren auf dem Bild den Betrachter nachdenklich machen würden.

Das Fotopapier selbst, weniger das Bild, erzählt hier eine zusätzliche Geschichte, es ist selbst Objekt der Dokumentation, es war selbst im Bunker, hat dort das Licht aufgesammelt und konserviert. Und bewahrt nun das Bild, das sich durch ein millimetergroßes Loch über mehrere Stunden an der Rückwand des Bunkers gebildet hat, für den Betrachter auf. Tim Hölscher hat die Belichtungszeit ebenfalls im Bunker verbracht und den Aufnahmeprozess wenn nicht kontrolliert, so doch ständig begleitet  – auch das eine Geschichte. 

Dies ist mehr als die klassischen Abbildungen der Realität, die uns die Fotografie verschafft. Die experimentelle Bilderstellung Tim Hölschers in den Albanischen Landschaften­ erzählt Geschichten um das Gewesene und konserviert das Licht auf unverwechselbaren Unikaten. Und nicht zuletzt dokumentiert sie so die Fehlleistungen des Machthabers des sozialistischen Albaniens Enver Hoxha, dessen totalitäres Regime an der Wirklichkeit scheiterte.

Bielefeld Kiln

„Bielefeld — Köln“ aus „Postwege”, Color-Papiernegativ (Unikat), 29 cm × 23 cm, 2008

Ähnlich experimentell und ebenfalls unter Verwendung der Lochkameratechnik entstand die Serie Postwege, wo gleichsam der Weg vom Sender zum Empfänger als gesammeltes Licht auf Fotopapier aufgezeichnet wird. Der Fotograf hat außer der Auswahl des Postamts und des Adressaten für den „Postweg“, den er dann über das Ausfüllen des Adressaufklebers bestimmt, wenig Einfluss auf die Komposition des Werks, nicht einmal die Belichtungsparameter sind kontrollierbar und es entstehen gerade deswegen eindrucksvolle Unikate voller Strukturen und einer geheimnisvollen Farbigkeit.

Den Ansatz der „Albanischen Landschaften“ aufnehmend, entstanden danach die Soester Ansichten, Panoramen aus zu Lochkameras umgebauten Kirchtürmen der Heimatstadt von Tim Hölscher, des westfälischen Soest. Hierfür erhielt Tim Hölscher ein Arbeitsstipendium. Die auf den ersten Blick trivialen Stadtansichten der ehemaligen Hansestadt erhalten auch hier durch die spektakulären Lochkamera-Kirchtürme und durch den Unikatcharakter der Fotografien eine Überhöhung. Wenig gewahr wird man des enormen Aufwands, den Tim Hölscher beim Umbau der Türme hoch über der Stadt treiben musste, um bedrängt von Kirchturmgeläut, Tauben und Wetterunbill die Panoramen aus den drei verschiedenen Türmen zu erstellen.

Salzgitter I

„Salzgitter I“ aus „Tankstellen”, Lambdaprint, 125 cm × 75 cm, 2010

Bei der Serie Tankstellen wird keine ungewöhnliche Aufnahmetechnik verwendet, vielmehr werden Fotografien der architektonisch ungewöhnlich wertigen Tankstellen digital bearbeitet und durch Weglassen alles Störenden gleichsam auf den Ursprung zurückgeführt. Die Fotografien stellen die Gebrauchsarchitektur von Tankstellen mehr als Skulpturen dar, die Vision des Architekten wird erst in den nüchternen, großformatigen Werken wirklich spürbar. Tim Hölscher lehrt uns hier das „Sehen“, denn täglich passiert man derlei verlassene Tankstellen, von Gebrauchtwagenhändlern, Wurstimbissen oder Dönerbuden bis zum bevorstehenden Abriss genutzt, ohne dass man den architektonischen Wert etwa der modernen und leichten Dachkonstruktionen wahrnehmen würde. Durch die Bearbeitung und Rückführung auf das Ursprüngliche wird dies möglich. Tim Hölscher investiert eine ganze Arbeitswoche für jede Tankstelle allein in die Eliminierung des störenden „Drumherums“, man muss ihm dankbar sein für die Hilfestellung beim „Sehen“ der eigenen Umgebung. 

Tim Hölscher ist Techniken auf der Spur, die in Richtung fotografischer Unikate weisen. Es ist eine fotohistorische Suche nach aussterbenden Arten. Fotografien, die ohne die Interpretationsmöglichkei- ten von Labor und Bildbearbeitungssoftware auf Positivpapiere aufgenommen werden, haben eine besondere Qualität: Sie wirken direkter, oft auch etwas rauer als klassische Abzüge vom Film oder Drucke von digitalen Datensätzen. So legt schon die Form Zeugnis ab von ihrer Unmittelbarkeit.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAZ)

Es schließt sich der Kreis der Kombination ungewöhnlichenr Techniken und der Wirkung der entstandenen Bilder in der Serie Erinnerung. Tim Hölscher benutzt für die Herstellung des Bilds keine Kamera mehr, sondern projiziert ein altes Diapositiv aus Kindertagen auf eine fluoreszierende Emulsionsschicht auf einer großformatigen Leinwand. Der Projektor „malt“ für einige Sekunden mit Licht das Bild, um dann abzuschalten, die Leinwand gibt für einige Minuten das Bild an den Betrachter zurück, es wird immer blasser, um dann ganz zu verschwinden.

Hier sind nun die „experimentellen Wege zum Bild“ fast ganz von der klassischen Fotografie entfernt, weder Film noch Kamera kommen zum Einsatz. Das Bild wird nur für den Betrachter in der Dunkelkammer zunächst kurz erzeugt, um dann gleich wieder, während der Betrachter nachdenkt, langsam zu verschwinden. Mehr eine Installation denn klassische Fotografie, wird man zu Recht einwenden können.

Tim Hölscher experimentiert in einer spannenden Weise mit Geräten und Materialien, er benutzt Kameras oder auch nicht, er funktioniert Bunker, Kirchen oder Kartonagen zu Kameras um und benutzt Filme, Papiere oder lichtempfindliche Materialien, um für den Betrachter ein Bild zu entwerfen. Man hat den Eindruck: um ihn zu bilden.

Der Fotograf hat das Privileg, mit Licht malen zu können. Tim Hölscher hat ungewöhnliche Wege gefunden, mit Material und Technik interessante und bewegende Geschichten zu erzählen. Er ist damit „Lichtbildner“ im ganz umfassenden Sinne.   

Wege Zum Bild

Alle hier erwähnten und weitere Arbeiten sind im Werkverzeichnis „Tim Hölscher – Experimentelle Wege zum Bild“ erschienen:

„Tim Hölscher–Experimentelle Wege zum Bild“/Werke 2007 — 2012/Herausgeber: Holger Zinke, Martin Langer/­Broschiert: 108 Seiten/Verlag: ZENTRALVERLAG/Sprache: Deutsch/ISBN-10: 3981241738, ISBN-13: 978-3981241730/Maße: 20,8 ×1,2 ×24,3 cm 20.8 × 1.2 × 24.3 cm

Tim Hölscher

www.timhoelscher.de
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