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BLICKWINKEL

Kommentar

BRAIN – IPO bindet die Retail-Anleger ein

Ein Kommentar von Prof. Dr. Wolfgang Blättchen

Mit einer Performance von minus 12 % im Dax hat der Aktienmarkt vielen Investoren die Stimmung gleich am Jahresbeginn 2016 kräftig verhagelt. Die Volatilität, abgebildet durch den VDax, hat mit Niveaus von über 30 gegenüber der Zeit am Ende des Jahres 2015 ebenfalls deutlich zugelegt, sodass Börseneinführungen bei den meisten Investmentbankern als schwierig oder unmöglich gelten.

Erster Börsengang

Dennoch konnte die BRAIN AG als erstes deutsches Unternehmen aus dem Bereich der Bioökonomie und damit der industriellen Biotechnologie am Abend des 3. Februar mit einer voll gezeichneten Kapitalerhöhung ein erfolgreiches Initial Public Offering (IPO) vermelden. Übrigens nicht nur das erste IPO des Jahres in Deutschland, sondern auch eines der ersten weltweit. Und das auch noch in dieser Branche. Nachdem das letzte Biotech-IPO an der Deutschen Börse mittlerweile fast zehn Jahre zurückliegt, galt es unter den potenziellen deutschen Emittenten der Branche als ausgemachte Sache, ein IPO im Ausland durchzuführen. Sei es an der Nasdaq wie Affimed und Innocoll oder Probiodrug und Curetis an der Euronext. Und das, obwohl die letzten zwei Jahre für deutsche Verhältnisse im IPO-Geschäft als eher freundlich gelten. Warum war BRAIN in Deutschland und an der Deutschen Börse dennoch erfolgreich? Weil es in erster Linie auf die Investoren ankommt. Und für diese ist die Börse zuerst einmal ein Handelsplatz. Entscheidend sind Story, Management, Bewertung und Perspektiven. Und hier konnte BRAIN überzeugen. Genauso wie mit seiner Aktionärsstruktur aus Family Office MPG, privatanlegerorientiertem MIG Fonds, Gründer- und Managementaktionären.

Hoher Anteil der Privaten

Mit fast 20 % Anteil am Buch zeichneten zahlreiche Privatinvestoren, denen die Deutsche Börse und die Emittentin selbst spezifische Zeichnungsmöglichkeiten zur Verfügung gestellt hatten. Dazu gehörten Mitarbeiter, Friends & Family sowie Investoren, denen der Bekanntheitsgrad der Gesellschaft nicht verborgen blieb. Diese Vertriebswege kommen bei IPOs in Deutschland nur sehr selten zum Einsatz, da sie aus den Überlegungen der großen Investmentbanken–sei es aus rechtlicher oder aus ökonomischer Vorsicht oder durch Unkenntnis ihrer Vorteile für eine stabile und preiselastischere Aktionärsbasis–verschwunden sind.

Lange Zeichnungsfrist

Während die Amerikaner wie früher bei uns Privatanlegerquoten von über 20 % anstreben, sind es bei den Franzosen und Engländern eher 10 %. In Deutschland verkündeten die Banken bei Zalando 2 %! Und das war wahrscheinlich schon vergleichsweise ungewöhnlich hoch. Die lange Zeichnungsfrist und die Einbindung verschiedener Vertriebskanäle verbunden mit einer bevorrechtigten Mindesttranche waren mitentscheidende Beiträge zum Platzierungserfolg und für den deutschen Kapitalmarkt hoffentlich der Auftakt für eine wieder wachsende Bereitschaft, Chancen zu ergreifen und Wachstum nicht nur im kleinen institutionellen Kreis, sondern im ,,Going Public‘‘ zu finanzieren.

Teile des Artikels wurden als Gastbeitrag von Prof. Dr. Blättchen in der Börsen-Zeitung–Zeitung für die Finanzmärkte (Ausgabe 26 vom 09.02.2016, S. 18) veröffentlicht.

Wolgang Blaettchen
© Studio Nippoldt

​Prof. Dr. Wolfgang Blättchen

Prof. Dr. Wolfgang Blättchen ist geschäftsführender Gesellschafter der BLÄTTCHEN FINANCIAL ADVISORY GmbH, Leonberg und seit 1985 unabhängiger Unternehmensberater bei der Beschaffung von Eigen- und langfristigem Fremdkapital am Kapitalmarkt sowie bei Beteiligungs- und Incentivierungsprogrammen für Führungskräfte. Er ist auch Ansprechpartner der Börsen: Neuer Markt (1997), Entry Standard (2005), bondm (2010) und Prime Standard Anleihen (2011). BLÄTTCHEN FINANCIAL ADVISORY ist bondm-Gründungscoach in Stuttgart und Listing Partner in Frankfurt.

Bioökonomie hat Potenzial – nun auch an der Börse

Ein Kommentar von Sven Kapell

Der Börsengang der BRAIN AG hat gezeigt, dass auch in schwierigen Marktphasen der Weg aufs Börsenparkett möglich ist. Dazu müssen allerdings mehrere Voraussetzungen gegeben sein: eine intensive Vorbereitung, ein überzeugender IPO-Kandidat mit attraktiver Equity-Story und eine vertrauensvolle Kooperation zwischen dem Unternehmen und der den IPO begleitenden Bank. 

Auf Bankenseite gibt es drei Schlüsselbereiche: Corporate Finance, Research und Distribution. Schon Monate vor dem geplanten Termin des Börsengangs ist es wichtig, das Management des Unternehmens auf den kommenden Prozess vorzubereiten und erste Einzelgespräche mit potenziellen Qualitätsinvestoren zu führen. Dabei zahlt es sich aus, Experten mit einschlägiger Industrieexpertise im Corporate-Finance-Team zu haben.

Entscheidend für diese Informationsgespräche, im Fachjargon als Pilot Fishing bezeichnet, ist es, den richtigen Mix aus Spezialisten und Generalisten zu finden. Nur so lässt sich ein begründetes, belastbares Gefühl für den Markt entwickeln. 

Wichtigkeit der Anlegerbeziehungen

Im persönlichen Austausch gilt es, auf das Feedback der Investoren zu achten, zuzuhören, was sie interessiert, wo sie die entscheidenden Bewertungskriterien sehen. Anhand dieser Informationen verfeinern Bank und Unternehmen gemeinsam die Equity-Story. Der frühe Kontakt zu den Investoren maximiert die Transparenz und die Transaktionssicherheit.

Rote und Weiße Biotechnologie

Während im Bereich der Roten Biotechnologie Investoren überwiegend Spezialisten sind und über einen hohen Grad Expertenwissen verfügen, können für Investitionen in Weiße Biotechnologie wie bei BRAIN auch stärker Generalisten angesprochen werden. Das Segment Bioökonomie gilt dort zu Recht als Branche mit überdurchschnittlichem Potential. Die stattliche Zahl von Retail-Investoren beim BRAIN-Börsengang ist ein guter Beleg. Beide Investorengruppen, Spezialisten wie Generalisten, stellen unterschiedliche Anforderungen an das Management wie an die Bank. Im Austausch mit Spezialisten war es hilfreich, bei Oddo Seydler Wissenschaftler aus dem Sektor, unter anderem einen promovierten Biochemiker, im Team Distribution zu haben – man spricht die gleiche Sprache.

Rolle der Analysten

Eine wichtige Rolle innerhalb des Prozesses kommt dem Bereich Research zu: Die Analysten der Bank erstellen einen in die Tiefe gehenden Report über das Unternehmen und lassen ihn einer Vielzahl Investoren zukommen. Im Falle des BRAIN-IPO waren das rund 1 200 institutionelle Investoren europaweit. Anschließend folgten viele Gespräche zwischen Analysten und Investoren, in denen der Report und das Unternehmen erläutert wurden – die sogenannte Investor Education. Die Reputation der Analysten bei Oddo Seydler trug wesentlich zum Gelingen des Börsengangs bei, denn im Bereich Healthcare/Biotech zählt das Research des Hauses zu den führenden in Europa und wurde mehrfach ausgezeichnet. Die Ergebnisse der Analyse besitzen entsprechend hohe Glaubwürdigkeit im Markt.

Angebotsphase

Während der Angebotsphase traf das BRAIN-Management im Rahmen einer Roadshow rund 100 Investoren in neun europäischen Finanzzentren zu Einzelgesprächen oder in Gruppenpräsentationen. Die Festlegung des Plans für die Roadshow und die Auswahl der Zielinvestoren erfolgen erst spät, um Erkenntnisse aus Pilot Fishing und Investor Education optimal berücksichtigen zu können. 

Fazit

Volatile Märkte sind kein Grund für gut vorbereitete Qualitätsunternehmen, nicht an die Börse zu gehen. Das belegt der BRAIN-Börsengang. Er zeigt auch, dass sich die Investorenbasis in Europa für Biotech – für Rote, wie für Weiße – entwickelt hat. Frankfurt zählt heute wieder mit Recht zu den interessanten Börsenplätzen.

Quelle: transkript (Ausgabe 3/2016, S. 9)

Sven Kapell
© Studio Nippoldt

Sven Kapell

Sven Kapell. ist ein erfahrener Banker im Eigenkapitalprimärgeschäft. Der 50-Jährige tummelt sich seit mehr als 20 Jahren im Investment Banking/Corporate Finance. Kapell startete im Juli 2014 bei Oddo Seydler Corporate Finance und ist verantwortlich für die Aktivitäten in Equity Capital Markets im deutschsprachigen Raum. Mit der Akquisition der BHF-Bank verstärkt sich Oddo auf diesem Gebiet. Zwischen 1995 und 2014 hatte Kapell verschiedene Positionen bei der Deutschen Bank inne, zuletzt als Director in Equity Capital Markets. Er hat Transaktionen von Wincor Nixdorf, MTU Aero Engines, Praktiker, Compugroup, Aurubis, Postbank oder Deutsche Telekom und jetzt für Oddo Seydler den Börsengang der BRAIN AG begleitet. Kapell hat Abschlüsse der Hochschulen in Barcelona, Michigan in den USA und Kiel. (Quelle: Börsen-Zeitung, 10.02.2016)

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